Wann sagen wir's den Kindern?

So, nun steht es fest: im August gehen wir nach Kalifornien! Arbeitskollegen und engerer Familienkreis sind schon eingeweiht- aber:

Wann sagen wir`s den Kindern?

Möglichst jetzt gleich oder warten wir bis einige Wochen vor der Ausreise?

Mit dieser Frage haben wir uns als Eltern diesen Monat beschäftigt. 

In diesem Blogartikel will ich euch unsere Gedankengänge beziehungsweise unser Abwägen der Vor- und Nachteile zusammenfassen und auch den sozialpädagischen Blickwinkel nicht außer Acht lassen. Vielleicht sind für euch auch ein paar hilfreiche Gedanken dabei.

 

Aber zuerst noch einige grundlegende Infos: unsere Kinder sind 7 Jahre und 4 Jahre alt. Das Alter spielt bei der  Frage „Wann sagen wir`s?“ eine nicht unerhebliche Rolle. Grundsätzlich gilt: je jünger das Kind desto später sollte es eingeweiht werden. Bei einem dreijährigen Kind reicht eine Vorwarnzeit von 2 Monaten, während bei einem fünfjährigen Kind auch  schon 6 Monate vorher Bescheid gegeben werden kann. Diese zeitlichen Rahmen hängen mit dem Entwicklungsstand der Kinder zusammen. Je jünger die Kinder sind, desto weniger ist ein Zeitgefühl oder Zeitverständnis entwickelt, weshalb größere Zeiträume noch nicht richtig eingeschätzt werden können. Trotzdem ist der Entscheidungsspielraum hier sehr groß und hängt von eurer Einschätzung  als Eltern ab. Ihr kennt euer Kind am Besten und wisst welche Zeiträume es gut abschätzen kann. Schwieriger wird es, wenn man zwei oder mehr Kinder hat. Man könnte es natürlich auch da jedem Kind gemäß seines Entwicklungsstandes mitteilen- aber ist das praktisch wirklich machbar? Können die Geschwister, die schon Bescheid wissen, ihr Geheimnis für sich behalten?

Wir haben uns daher altersunabhängig Gedanken gemacht und generell überlegt:

Lange Vorlaufzeit versus kurze Vorlaufzeit- was ist besser?

Vorteile kurze Vorlaufzeit:

-       die Kinder können die verbleibende Zeit in der Heimat voll und ganz genießen, die soziale Interaktion ist unbelastet

-       die Kinder müssen sich nicht mit etwas beschäftigen, was sowieso schon fest steht

-       sie werden nicht auf die Folter gespannt, weil die Zeitspanne des Wartens bis zum Umzug unüberschaubar lang ist.

-       Da die Eltern darauf achten müssen, nicht in der Gegenwart ihrer Kinder über den Umzug zu sprechen, werden die Kinder nicht mit Sorgen und Problemen, die mit dem Umzug verbunden sind, konfrontiert.

-       Die Eltern können auftretende Fragen konkreter beantworten, da vieles zu einem späterem Zeitpunkt schon geregelt ist. Das gibt den Kindern Sicherheit.

 

Nachteile kurze Vorlaufzeit:

-       die Kinder haben wenig Zeit sich mit der Tatsache, dass ein. Umzug bevorsteht, anzufreunden

-       die Kinder haben wenig Zeit sich auf ihre Art zu verabschieden

-       Abschiedswünsche wie „noch einmal in den Zoo, noch einmal dies noch ein letztes Mal das“ sind in der ohnehin schon stressigen Vorumzugszeit schwierig umzusetzen.

-       Anmeldungen zu Sprachlernkursen wegen Sprachvorbereitung können nicht ehrlich begründet werden.

-       Generell ist es schwierig den Umzug geheim zuhalten und immer nur in Abwesenheit der Kinder zu planen und Emotionen geheim zu halten.

 

Vorteile lange Vorlaufzeit:

·     Die Kinder können sich mit dem Gedanken an den Umzug anfreunden

·     Die Eltern können authentisch bleiben

·     Kinder haben über einen langen Zeitraum Zeit ihre Fragen zu stellen und das was sie bewegt mehrmals durchzusprechen und abzuarbeiten. 

·     Die Kinder können für sich in Ruhe festlegen, wie sie den Abschied gestalten wollen, was sie bis dahin noch oder nochmal in der derzeitigen Heimat erleben wollen.

·     Sie erleben am Vorbild der Eltern wie man mit Unsicherheit, Problemen bei der Planung etc umgeht

·     Die Kinder können früher mit einbezogen werden und haben daher nicht das Gefühl der Situation hilflos ausgeliefert zu sein.

·     Sie können die derzeitige Heimat nicht unbelastet, aber dafür vielleicht intensiver genießen. Außerdem fällt es Kindern leichter im hier und jetzt zu leben,daher wiegt die Belastung dennoch nicht so schwer.

 

Nachteile lange Vorlaufzeit:

·     Es kann eine große Herausforderung für die Eltern sein für die Kinder ein gutes Vorbild zu sein und trotz aller Unsicherheiten und Planungsprobleme Zuversicht auszustrahlen.

·     Die Zeit kann nicht mehr unbelastet genossen werden.

·     Kinder können die Zeitspanne nicht einschätzen und leben mit der ständigen Erwartung, dass der Umzug schon morgen von statten geht (daher unbedingt Alter der Kinder beachten! Je jünger desto kürzer die Zeitspanne.)

·     Die Gefahr, dass es sich schneller rumspricht

·     Die Kinder müssen mit der Trauer der andern klarkommen, die diese evtl. auch direkt an die Kinder adressieren.

 

Soweit also unser Brainstorming als Eltern. Vielleicht sind da schon ein paar hilfreiche Punkte für euch dabei.

Als Sozialpädagogin kann ich die Sache noch zusätzlich aus der professionellen Warte betrachten. Die möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten:

Wissenschaftliche Erkenntnisse der Sozialpädagogik

Wenn man sich wissenschaftlich mit tiefgreifenden Veränderungen in der Kindheit befasst, dann trifft man in diesem Zusammenhang immer auch auf den Begriff der sogenannten Resilienz.

 

·      Als Resilienz bezeichnet man in der Psychologie die Fähigkeit zu Belastbarkeit und innerer Stärke. Vor allem in der therapeutischen Arbeit wird verstärkt Wert darauf gelegt, Resilienz auszubilden und damit psychischen Störungen und anderen persönlichen Problemen vorzubeugen. Resilienz bezeichnet zunächst in der Entwicklungspsychologie die Widerstandsfähigkeit von Kindern, sich trotz belastender Umstände und Bedingungen normal zu entwickeln. Ganz allgemein betrachtet ist Resilienz die Fähigkeit von Menschen, auf wechselnde Lebenssituationen und  Anforderungen in sich ändernder Situationen flexibel und angemessen zu reagieren und stressreiche, frustrierende, schwierige und belastende Situationen ohne psychische Folgeschäden zu meistern (Stangl, 2019).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2019). Stichwort: 'Resilienz'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: 
http://lexikon.stangl.eu/593/resilienz/ (2019-01-15)

 

Ein Umzug ins Ausland oder ein mobiles Leben mit häufigen Umzügen ist eine solche belastende Situation. Wenn unsere Kinder daraus also gestärkt und unbeschadet hervorgehen sollen, dann hilft es, sie bei der Ausbildung von Resilienz zu unterstützen. 

Was bedeutet das genau?

Die Forschung hat verschieden Faktoren ermittelt, die Resilienz begünstigen:

  • Selbstwahrnehmung, also sich über seine Gefühle im Klaren sein
  • Selbststeuerung, das heißt, das eigene Erleben und damit verbundene Gefühle steuern zu können
  • Selbstwirksamkeit- die Überzeugung, bereits im Kleinen etwas bewirken zu können/Einfluss nehmen zu können 
  • Soziale Kompetenz
  • Problemlösefähigkeit 
  • Adaptive Bewältigungskompetenz

Was bedeutet das nun für unsere Situation?

Das bedeutet, dass unsere Kinder viele dieser Faktoren durch den Umzug erlernen können, wenn sie gut angeleitet und begleitet werden und dadurch im besten Falle Resilienz entwickeln!

Was aber ist unter gut angeleitet und begleitet zu verstehen?

Es bedeutet zum Beispiel unseren Kindern genug Zeit zu geben sich über ihre Gefühle klar zu werden und diese auch uneingeschränkt äußern zu dürfen, ohne dafür verurteilt zu werden. Von uns als Eltern erfordert das ebenfalls einen reflektierten Umgang mit Gefühlen. Das kann oft schwierig sein, da wir geprägt sind durch unsere eigene Erziehung in der einige Gefühle vielleicht nicht erwünscht waren.

Es bedeutet auch, den Kindern die Möglichkeit zu geben ihre Selbstwirksamkeit und Problemlösefähigkeit zu erfahren und auszubauen. Das heißt wiederum, sie altersgerecht in die Umzugsvorbereitungen mit einzubinden und in angemessenem Rahmen mit damit verbundenen Herausforderungen zu konfrontieren. Sie erleben so, dass sie trotz äußerlich fest gestecktem Rahmen- der Umzug ist ja bereits beschlossene Sache-  handlungsfähig bleiben und ihre Welt in diesem festgesetzten Rahmen dennoch bis zu einem gewissen Grad weiterhin selbst gestalten können.

 

Im Grunde bedeutet es also, ihnen ehrlich zu sagen, was ansteht, um sie dann auf dem Gefühlskarussell zu begleiten und ihnen auf all ihre Fragen so gut es geht Rede und Antwort zu stehen, gemeinsam über Wünsche und Ängste zu sprechen, Lösungen zu finden, Wut auszuhalten und gemeinsam traurig zu sein- aber auch gemeinsam nach vorne zu blicken und Pläne für die Zukunft zu schmieden. 

Das ist ziemlich anstrengend, das als Eltern zu meistern, neben all den anderen Dingen die organisiert und erledigt werden müssen- und neben dem eigenen Gefühlskarussell auf dem man selbst sitzt. 

Im Umzugsstress neigt man deswegen gerne dazu negative Gefühlslagen wie Wut, Trauer und Unsicherheit zu übergehen oder  ins später zu verschieben (nach dem Umzug) "wenn der grösste Stress vorbei ist und es wieder ruhiger ist". Die seelische Belastung wirkt dann jedoch doppelt: man muss gleichzeitig Altes bewältigen und sich auf Neues einlassen. Das ist oft zu viel für die Kinder und die Probleme beginnen jetzt erst recht. Dabei wollte man doch einen möglichst gelungenen Start in der neuen Heimat hinlegen...

Wenn wir also unsere Kinder frühzeitig so gut es geht im Voraus begleiten, dann legen wir auch den Grundstein für einen guten Start in der neuen Heimat.

 

Vielleicht gelingt uns nicht immer unsere Kinder gerade da abzuholen, wo sie stehen. Aber wir stehen im Austausch mit Ihnen. Austausch bedeutet in Beziehung stehen. Beziehung bedeutet Bindung. Und Bindung ist wiederum das, was in der Forschung als der Nährböden ermittelt wurde auf der sich Resilienz entwickeln kann.

In Beziehung treten mit größeren und kleineren Kindern, aber wie?

Bei Kindern ab Vorschulalter kann man bereits ganz gut über die anstehenden Veränderungen und die damit verbundenen Gefühle reden- doch was macht man bei Kleinkindern? Komplexere Gespräche führen kann man mit ihnen noch nicht. 

Die Lösung liegt im gemeinsamen Tun statt im miteinander Reden. 

Singt gemeinsam Lieder in der neuen Sprache, spielt „von einem Haus ins andere ziehen“ mit LEGO Duplo, packt gemeinsam Umzugskartons im Kinderzimmer.  Fahrt zum Flughafen und schaut den Flugzeugen beim Starten und Landen zu. Wenn ihr einen großen Hafen oder Fluß in der Nähe habt, fahrt hin und betrachtet die Containerschiffe. Lest Kinderbücher zum Thema Umzug. Macht den Kindern den Vorgang im wahrsten Sinne des Wortes so begreiflich und anschaulich wie möglich. Ich habe dazu auch ein Umzugspuzzle mit dem kleinen Hasen Löwenzahn entworfen. Das 8-teilige Puzzle gibt es als Bastelbogen zum Gratisdownload in meinem Shop. Schaut Bilder von der neuen Heimat an ( welche Bäume wachsen da, welche Tiere leben dort, wie sehen die Menschen dort aus,...). All das kann bereits helfen, dass sich auch die Kleinsten auf die kommende Veränderung einstellen können. Wenn man etwas schon mal gesehen hat, ist es nicht mehr ganz so neu. Die überwältigende Flut des Neuen und Unbekannten reduziert sich damit schon merklich.

Und macht auch den Abschied anschaulich: bastelt in der Krabbelgruppe gemeinsam Abschiedsgeschenke. Besingt im letzten Treffen den Abschied. Lasst die Kleinen dabei zusehen, wie das Haus leergeräumt wird und/oder macht einen Abschiedsrundgang durch das leere Haus. Am Ende gibt es vielleicht noch einen Abschiedskuss auf die Haustüre ( wie meine Tochter damals bei ihrem zweiten Umzug mit 2,5 Jahren es gemacht hat) oder ihr verbuddelt ein kleines Herz im Garten oder nehmt ein Gläschen "Heimaterde" als Erinnerung mit. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt viele Möglichkeiten auch Kleinkinder in den Umzugsprozess mit einzubeziehen.

 

Ich werde versuchen in meinen weiteren Blogartikeln immer wieder Ideen für die Kleinsten einzubauen, denn oft fällt es uns Eltern schwer, komplexe Themen für unsere kleinen Kinder anschaulich herunter zu brechen. 

Allgemeines Fazit zum Thema

Für alle diejenigen unter euch, für die der erste Umzug mit Kind(ern) bevorsteht, liegt die Chance darin, den Umzug als positive und persönlichkeitsstärkende Erfahrung für eure Kinder zu sehen, die sie im besten Falle in ihrer Resilienz stärkt. Solange ihr eine gute Bindung aufrechterhaltet, werden eure Kinder gestärkt aus dieser Herausforderung hervorgehen.

Für diejenigen unter euch, die jetzt vielleicht denken: „Oh mein Gott, das habe ich bei unseren bisherigen Umzügen mit unseren Kindern so gar nicht beachtet!“ Keine Panik, es ist nie zu spät. Resilienz ist lernbar, das hat die Wissenschaft herausgefunden, jederzeit- sogar als Erwachsener noch. 

Wer tiefer in das Thema Resilienz einsteigen möchte findet dazu jede Menge Bücher und Beiträge im Internet.

 

Falls ihr nach dem Lesen dieses Artikels den Wunsch verspürt euch noch eine objektive Einschätzung von Außen für eure Entscheidung holen zu wollen oder wenn ihr Hilfe beim Entscheidungsprozess an sich benötigt, stehe ich euch mit meiner Familienberatung zur Verfügung.

Weitere Infos hierzu findet ihr auf meiner Webseite unter dem Punkt Coaching für Expateltern.

 

Am Ende interessiert euch vielleicht noch unsere Entscheidung zu der Ausgangsfrage ...

 

So haben wir uns entschieden

Wir haben uns am Ende für die Variante mit langem Vorlauf entschieden. Sprich, wir haben es den Kindern unverzüglich mitgeteilt. Mit Blick auf die Resilienzforschung wollen wir unseren Kindern die Möglichkeit geben, an der Realität hilfreiche Schutzfaktoren für sich zu entwickeln, die sie in Ihrer Resilienz stärken. Für uns  Eltern bedeutet es ein Stück weit mehr Aufwand neben der sowieso schon umfangreichen ToDo-Liste der Umzugsorganisation. 

Andererseits erhoffen wir uns, dass unsere Kinder dadurch Stück für Stück resilienter werden und die nächsten Umzüge dadurch leichter werden. 

Für uns stand außerdem das Thema Authenzität an erster Stelle. Denn wie wir feststellen mussten, fällt es uns sehr schwer die Planung und Organisation nicht in Anwesenheit der Kinder zu besprechen. Am Esstisch während der Mahlzeiten haben wir bisher – mit ein paar Ausnahmen natürlich- unsere Planungen immer offen besprochen. Jetzt plötzlich alles im Geheimen abzusprechen hätte für uns viel Anstrengung bedeutet und die Kinder hätten vermutlich die Anspannung bemerkt (Kinder haben feine Antennen für so etwas), hätten aber nicht gewusst warum. Diese Ungewissheit wollten wir Ihnen ersparen. 

Auch die Möglichkeit den Kindern genügend Zeit zu geben, sich mit der bevorstehenden Veränderung anzufreunden, war uns wichtig. Denn gerade unser Sohn tut sich mit unangekündigten oder zu kurzfristig angekündigten Veränderungen schwer.

Zudem wollten wir beide zu einem Englischkurs anmelden und wir hoffen sie mit dem Wissen um die bevorstehenden Veränderungen auch dafür begeistern zu können.

Wir sind außerdem für uns zu dem Schluss gekommen, dass Kinder eben noch über die tolle Gabe verfügen vor allem im Hier und Jetzt zu leben. Die Gefahr, dass ständig das Damoklesschwert des Umzugs über ihnen schwebt, sehen wir daher nicht.

Bleibt die Herausforderung für uns als Eltern, ein gutes Vorbild in Sachen Stressmanagement und Umgang mit Emotionen zu sein und die Kinder gut auf der Achterbahn der Gefühle zu begleiten.  Ich weiß nicht, ob es uns gelingen wird, aber wir nehmen die Herausforderung an.