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Die Achterbahn der Gefühle und wie wir damit umgehen können

Das Gefühl des Kontrollverlusts

Ein Umzug kann bei uns und den Kindern vielfältige Gefühle hervorrufen. Über Trauer habe ich ja bereits in diesem Blogartikel geschrieben, aber auch Vorfreude, wie in diesem Blogartikel erwähnt, gehört dazu und die gesamte Gefühlspalette dazwischen. 

Ein weiteres Gefühl dass ich nun mit Blick auf die Kinder etwas genauer beleuchten möchte, ist das Gefühl des Kontrollverlusts und wie es sich vor allem bei kleineren Kindern äussert.

Da Kinder in jungen Jahren noch nicht genau erkennen und beschreiben können, was sie fühlen und was sie bewegt, sind wir Eltern darauf angewiesen ihr Verhalten zu interpretieren.  Das ist manchmal gar nicht so einfach und gerade wenn man durch einen Umzug viel mit logistischer Planung oder seinen eigenen Gefühlen beschäftigt ist, fällt es besonders schwer.

Wenn wir als Familie ins Ausland umziehen brechen wir in der Regel unsere Zelte in der alten Heimat komplett ab. Natürlich halten wir noch Kontakt zu Verwandten und Freunden, aber anders als bei einem Umzug innerhalb einer Stadt, ändert sich nicht nur das Umfeld sondern das gesamte Leben. Behält man bei einem Umzug innerhalb einer Stadt oder innerhalb des Landes gewisse Dinge wie die Sprache, die Kultur oder vielleicht sogar auch die Schule oder den Kindergarten wird dies alles bei einem Umzug ins Ausland mit über Bord geworfen. 

Für manche Kinder (und auch Erwachsene) kann sich das so anfühlen, als würde Ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit einher geht das Gefühl eines Kontrollverlusts. 

Bei Kindern kann dieses Gefühl verstärkt auftreten, weil sie in der Regel nicht mitbestimmen können ob und wann ein Umzug stattfindet. Ausserdem können vor allem durch die anfängliche Sprachbarriere Dinge schwierig sein, die vorher einfach so funktioniert haben: plötzlich gestaltet sich das gemeinsame Spiel mit Gleichaltrigen schwierig und macht nicht mehr so viel Spaß. Auch im Kindergarten und Schule können sie sich mangels Sprachkenntnissen erst einmal nicht so einbringen, wie sie das in der alten Heimat getan haben. Unsicherheit und Frustration macht sich dann bei manchen Kindern breit. 

Rückzug in sich selbst, obwohl andere Kinder zum Spielen anwesend sind oder vermehrtes "Hängen am Rockzipfel" können Anzeichen  im Verhalten sein, ebenso wie aggressives Verhalten und allgemeine geringe Frustrationstoleranz, die sich in vermehrten Wutausbrüchen zeigt. Wie also reagieren und was tun?

Prävention ist die erste Wahl

Mit dem Wissen, dass diese Gefühle auftauchen können, ist es besonders hilfreich wenn wir als Eltern bereits proaktiv im Vorfeld eines Umzugs handeln.

Genauso wie eine gute Entsendevorbereitung bei uns Erwachsenen dazu beiträgt, dass wir selbstsicherer den Umzug antreten können und weniger Enttäuschungen erleben- weil wir mental vorbereitet sind- so kann eine gute Umzugsvorbereitung bei Kindern dasselbe bewirken. Das Kind darauf vorbereiten, was es im neuen Land erwartet, was neu sein wird, aber auch was gleich bleiben wird, hilft unserem Kind dabei, die zukünftige Situation besser einschätzen zu können und sich darauf einstellen zu können.

Auch das Thema positive Selbstwirksamkeitserfahrung spielt hier eine wichtige Rolle. Die Kinder konnten zwar nicht mitbestimmen, ob und wann ein Umzug stattfindet, aber darüber hinaus gibt es für Kinder viele Möglichkeiten den bevorstehenden Umzug mitzugestalten. Und das genau ist positive Selbstwirksamkeitserfahrung: das aktive Gestalten einer Situation und damit verbunden die Erfahrung, dass man durch sein eigenes Handeln Situationen zum eigenen Wohle mit gestalten und beeinflussen kann. Dieses positive Bild der eigenen Selbstwirksamkeit ist nicht nur ein wichtiger Faktor, um die Stressresistenz bei Herausforderungen- wie einem Umzug- zu steigern, sondern ist auch maßgeblich für das eigene zukünftige Selbstverständnis. Mit einem positiven Selbstverständnis sieht unser Kind sich nicht als Opfer der Umstände, sondern vertraut darauf, dass es die Situation mit gestalten und meistern kann. Unsicherheit und Frustration sind deshalb nicht unbedingt komplett verschwunden, aber deutlich weniger stark ausgeprägt. Es zahlt sich also durchaus aus, bei der Umzugsvorbereitung auch die eignen Kinder im Blick zu haben.

Wer sich das selbst nicht zutraut oder wem die Zeit fehlt, sich neben der ganzen Organisation des Umzugs auch noch um die Umzugsvorbereitung der Kinder zu kümmern, für diejenigen unter euch ist vielleicht meine Online-Umzugsvorbereitung interessant, die die Kinder innerhalb eines Zeitraums von 3-4 Monaten kindgerecht auf den bevorstehenden Umzug vorbereitet. Mehr dazu findet ihr hier.

Umzugsvorbereitung verpasst und mitten in der Phase Kontrollverlust? Ach hier kann man gegensteuern.

Was aber, wenn wir nun als Eltern eine Umzugsvorbereitung der Kinder nicht auf dem Schirm hatten und jetzt eben gerade in der Situation stecken, dass unsere Kinder das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren und unsicher und frustriert sind? Kein Grund zur Panik. Auch hier hilft es, das oben genannte Prinzip der Selbstwirksamkeit anzuwenden. 

Wir können als Eltern gegensteuern und Räume schaffen, in denen sich die Kinder als selbstwirksam erleben und so ihre Kontrolle in diesen Räumen zurückerhalten. Gemeinsame Aktivitäten in denen unser Kind etwas erschaffen kann, sind gut geeignet um als Gegengewicht zu den Erfahrungen der Hilflosigkeit, Unsicherheit und Frustration zu wirken. Backt gemeinsam einen Kuchen, pflanzt im neuen Zuhause Erdbeeren oder Kresse an, malt gemeinsam ein Bild und hängt es an einem schönen Platz in der Wohnung auf!

Auch Hobbies in denen das Kind besonders talentiert ist bieten sich als Möglichkeit an, positive Selbstwirksamkeit zu erfahren: die Regeln aller Sportarten gelten international, dasselbe gilt für die Noten für das Spielen von Instrumenten. Hier kann unser Kind auch trotz Sprachbarriere zeigen was es kann und ein Stück Kontrolle zurückgewinnen.

Wenn wir als Eltern unserem Kind jetzt noch aufzeigen und wertschätzen, was es geschaffen hat z.B. bei der Erdbeer- oder Kresseernte, wenn wir den leckeren Kuchen gemeinsam essen oder beim Sport oder in der Musik, dann kann unser Kind daraus das Selbstvertrauen schöpfen auch die anderen Herausforderungen im neuen Land anzugehen, in dem festen Glauben diese letztendlich auch zu bewältigen.

Ein zusätzlicher Vorteil ist es, wenn man Erzieherinnen, Lehrer und Trainer mit derselben Haltung mit im Boot hat. Wenn möglich, sprecht mit diesen Bezugspersonen eures Kindes, damit es auch von dieser Seite Bestärkung erfährt.