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Screenagers- Vor- und Nachteile von moderner Technik für Expatkinder

Neulich war hier eine Infoveranstaltung an der Schule bei der der Dokumentarfilm "Screenagers- Next Chapter" gezeigt wurde. Dabei geht es um Jugendliche, ihre psychische Verfassung und die Smartphone-Nutzung als Stressbewältigung. Auch wenn ich noch keine Kinder im Teenageralter habe fand ich den Film sehr interessant und einen Teil davon besonders aufschlussreich für Teenager von Expatfamilien.  

Digitalisierung verbindet weltweit, aber auch lokal?

Im Laufe des Films wird die Lebenswelt und die Herausforderungen des Teenageralters dargestellt. Wie schon im ersten Film liegt das Augenmerk auch im zweiten Film auf den Auswirkungen von moderner Technik in dieser sensiblen Lebensphase.

Ich selbst und auch andere befreundete Expatfamilien, haben Technik bisher immer als Bereicherung in unserem Expatleben erlebt: der Kontakt mit Familie und Freunden in der alten Heimat ist unkomplizierter geworden. Dank Bildtelefonie kann man nicht nur die Stimmen seiner Lieben hören, sondern sie auch gleichzeitig sehen. Durch Gruppen auf social media kann man leicht überall auf der Welt vor Ort Anschluss finden und bekommt als Neuzuzug auch gerne Fragen von anderen Expats vor Ort online beantwortet.

In einem anderen Blogartikel habe ich mich für die Nutzung von Bildtelefonie gerade für kleinere Kindern ausgesprochen, da es ihnen entwicklungstechnisch eher entgegenkommt als das klassische Telefonat am Telefonhörer.

Der Film wiederum rückt nun unter anderem einen Aspekt in den Vordergrund, über den ich bisher so noch nicht nachgedacht habe: und zwar die blockierende Funktion von moderner Technik was die reale zwischenmenschliche Interaktion vor Ort betrifft.

Verunsicherte Teenager verstecken sich hinter ihren Smartphones

In dem Film wird deutlich, dass Jugendliche in Phasen tiefer Verunsicherung auf ihr Smartphone zurückgreifen, sei es, um einer unangenehmen realen Konversation aus dem Weg zu gehen oder um Bestätigung über Likes in den sozialen Netzwerken zu erhalten.

Die befragten Jugendlichen im Film geben zu, dass sie ihr Handy in unangenehmen Situationen zücken, weil sie verunsichert sind, wie sie eine  Konversation beginnen sollen oder eine bereits angefangene Konversation fortführen sollen oder wie sie sich generell verhalten sollen. Auch Konflikte werden nicht selten über Chat per Handy ausgetragen anstatt sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen. Im Film wird die Frage gestellt, ob Teenager so ihre emotionale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit  noch ausreichend ausbilden können, wenn ihnen das Training im Alltag durch Konfrontation fehlt. Ich möchte hier die Frage nicht weiter diskutieren, sondern vielmehr einen Blick darauf werfen, wie diese Beobachtungen eventuell auch unsere Expatkinder in ihrer Entwicklung beeinflussen können. Denn gerade die Unsicherheit wie man sich in bestimmten Situationen verhalten soll, wird bei Expat-Teenagern noch dadurch verstärkt, dass sie sich in einer neuen Kultur zurecht finden müssen, die sie nicht kennen und in der sie noch nicht wissen wie sie sich verhalten sollen. Auch die Peergroup-Kultur unterscheidet sich von Land zu Land: was ist angesagt, was trägt man, was gilt als "in" und was als "out". Die Expat-Jugendlichen können hier meist erst mal nicht mitreden und im besten Fall sind sie der exotischer Neuankömmling, im schlechtesten Fall sind sie gleich isolierter Außenseiter. Die Unsicherheit in der Pubertät wird durch die Expatsituation also noch verstärkt. Nimmt man jetzt noch den Einfluss moderner Technik wie oben beschrieben, ergibt sich vor meinem inneren Auge die Gefahr für folgendes Szenario:

Ein Fiktives  worst Case Szenario

Unsere Expat-Teenager befinden sich also mit einem Smartphone ausgerüstet in einem neuen Land. Neben der Unsicherheiten die das Teenageralter naturgemäß mit sich bringt, kommt die Unsicherheit im kulturellen Kontext, die am Anfang einer Entsendung ein jeder Expat mehr oder weniger zu spüren bekommt. Der Jugendliche hält Kontakt zu seinen Freunden in der alten Heimat über Chats und Social Media, also größtenteils virtuell. Gleichzeitig versuchen er Kontakte zu knüpfen zu Gleichaltrigen vor Ort. Ist der Jugendliche sehr verunsichert und schüchtern kann es jedoch passieren, dass er sich hinter seinem Smartphone versteckt und unsichere und damit unangenehme Interaktionen meidet. Gibt es in der Klasse keine Mitschüler, die sich für den Neuen interessieren und von sich aus den Kontakt suchen, sinken die Chancen, das sich Freundschaften über die Klassengemeinschaft entwickeln noch deutlicher.  Nachmittags nach der Schule kann er sich dann auch mit niemanden treffen, da sich in der Schule keine Freundschaften anbahnen. Der Teenager begibt sich also wieder in die virtuelle Welt, um mit alten Freunden zu kommunizieren und um die Zeit alleine ohne Treffen mit Gleichaltrigen zu füllen. Alte Freundschaften erhalten ist sicherlich begrüßenswert und bietet anfangs nach dem Umzug eine gewisse emotionale Stütze. Auf lange Sicht dürfen diese Freundschaften für die Jugendlichen nicht die einzigen Freundschaften bleiben. Sonst lebt der Expat- Teenager nur noch in der virtuellen Welt und findet keinen Anschluss in der neuen Heimat. Es gibt also meines Erachtens auch beim Thema moderne Technik die berühmten zwei Seiten einer Medaille.

Gerade im Teenageralter brauchen Kinder nicht nur die Interaktion sondern auch allumfassende tiefgreifende Beziehungen vor Ort im Alltag, um die eigene stabile Identität zu entwickeln, die sie im jungen Erwachsenenalter dann mit beiden Beinen fest im Leben stehen lässt. Das können rein virtuelle Kontakte auf Dauer nicht ausreichend leisten. Das dürfte gerade in Zeiten der Corona-Quarantäne vielleicht einigen von euch auch persönlich aufgefallen sein. Moderne Technik wie Zoom und Co hilft definitiv eine gewisse Zeit des social distancings zu überbrücken- ein richtiges Playdate oder ein klassisches Come together kann es auf Dauer nicht ersetzen. Das ist zumindest meine Einschätzung dazu. Es braucht nach wie vor reale soziale Interaktionen, ein rein virtueller Freundeskreis macht auf Dauer trotzdem einsam.

Was können wir also tun, um die Gefahr einer virtuelle Isolation bei unseren Teenagern zu umschiffen?

Smartphone wegnehmen oder weg sperren sehe ich nicht als Option, es sei denn es besteht Grund zur Annahme, dass das Kind handy-süchtig ist.

Alternativen anbieten

Es geht nicht darum, das Smartphone und Social Media komplett zu verdammen. Ich denke, es ist wichtig einen Ausgleich dazu zu schaffen: über Hobbys, über Tätigkeiten- ehrenamtlich oder auf Minijobbasis- , die regelmäßige soziale Interaktion in der realen Welt möglich machen. Aus diesen regelmäßigen Interaktionen können dann womöglich Freundschaften entstehen oder der Teenager lernt darüber über fünf weitere Ecken neue Leute kennen und daraus ergeben sich dann Freundschaften. 

Gleichzeitig kann man den Jugendlichen ermutigen im Netz nach Gleichgesinnten zu suchen z.B. anderen Expat-Jugendlichen in derselben Stadt und dann in einem weiteren Schritt dazu zu ermutigen diesen virtuellen Kontakt in die Realität zu verschieben, indem sich die Jugendlichen dann vor Ort treffen. Facebook becomes real sozusagen. 

Auch Haustiere tragen dazu bei die Zeit in der virtuellen Welt zu minimieren, denn in der Zeit, in der der Jugendliche sich um sein Haustier kümmert, ist er nicht online. Die Interaktion mit Tieren ist zwar nicht identisch mit einer Interaktion mit den Mitmenschen, aber dennoch ähnlich und dadurch durchaus stabilisierend in der unsicheren Zeit eines Neuanfangs. Andere Tierliebhaber im gleichen Alter trifft man dann vielleicht beim Gassi gehen oder auf der Hundewiese oder in Tierfachgeschäften. Die Wege auf denen man neue Freundschaften knüpft sind oft nicht die offensichtlichsten. Die kuriosen Geschichten vom Beginn einer Freundschaft die man manchmal so hört zeigen das immer wieder. 

Das oben skizzierte Worst-Case-Szenario wird aber ohnehin bei den wenigsten Jugendlichen eintreten, denn die meisten jungen Menschen sind in dieser Lebensphase auch besonders engagiert, offen, zugewandt und kreativ. Trotzdem finde ich den Dokumentarfilm  für Eltern von Teenagern sehenswert. Am Ende dieses Textes findet ihr deshalb den Link zum Filmwebseite. Vielleicht möchten sich die einen oder anderen ja diesen Film einmal selbst anschauen.

Wie läuft das bei uns

Normalerweise folgt an dieser Stelle meistens ein Einblick in unseren Alltag als Expatfamilie. Da ich aber noch keine Kinder im Teenageralter habe, entfällt dieser Punkt für dieses Mal.