„Wie könnt ihr eurem Kind das antun!“-Wie sehr schadet das Umziehen meinem Kind?

Bei uns ist es ja inzwischen der 6. Umzug für uns als Paar, der 5. Umzug für unsere Tochter und der 2. für unseren Sohn. Die Frage nach Nutzen und Schaden für alle Beteilligten stellt sich unserer Erfahrung nach bei jedem Umzugsangebot wieder. Wir haben uns vor jeder Entscheidung gefragt, wie sich der einzelne Umzug auf unsere Kinder auswirkt und ob die häufigen Umzüge unseren Kindern schaden. Auch von außen wird diese Frage an uns Eltern herangetragen oder die Befürchtung geäußert, dass es für die Kinder vielleicht  nachhaltig negativ sein könnte, dieses ganze "Umhergeziehe". Und wenn es nicht direkt so ausgesprochen wird im familiären Umfeld und dem Freundeskreis, dann ist es  zumindest häufig ein mitleidiger Blick hinüber zu den Kindern, wenn wir erzählen, dass wir wieder an einen anderen Ort ziehen. Immer ist er irgendwie latent da, dieser Vorwurf: Was tut ihr euren Kindern an!

Aber was ist dran an diesem Vorwurf?

Der Versuch einer Einschätzung

Ich habe mich nochmal aus wissenschaftlicher Sicht mit dem Thema auseinander gesetzt:

Es gibt inzwischen doch einige Studien, die sich mit dem Thema Spätfolgen von häufigen Umzügen in der Kindheit auseinandersetzen – und dazu zählen bereits 2 Umzüge. Jedes Kind das mit seinen Eltern einmal ins Ausland entsendet wurde gehört also zu dieser Gruppe von Kindern, die häufig umgezogen sind. Denn eine Auslandsentsendung beinhaltet automatisch einen Umzug hin und einen Umzug zurück. 

 

 

Die Ergebnisse diverser Studien sind alle ähnlich: sie konstatieren am Ende ein erhöhtes gesundheitliches Risiko für Kinder, die häufig umziehen- und damit sind die körperliche und die psychische Gesundheit gemeint . 

Die erste umfangreichere Langzeitstudie kommt zu demselben Schluss, findet jedoch deutliche Unterschiede innerhalb der Gruppe der untersuchten Personen: nämlich zwischen extrovertierten und introvertierten Persönlichkeitstypen. Erwartungsgemäß haben extrovertierte Menschen weniger Probleme mit einem mobilen Lebensstil als introvertierte Menschen.

Die Studie ist sehr differenziert , dennoch hat sie einen Schwachpunkt

Die Studie ist sehr differenziert , dennoch hat sie einen Schwachpunkt, der dazu führt, dass man die Ergebnisse aus meiner Sicht nicht eins zu eins auf unsere Kinder heute übertragen kann: die Ergebnisse beziehen sich auf Kindheiten die zwischen 1910 und 1985 gelebt wurden (die Studie wurde 1994/95 mit Teilnehmern im Alter zwischen 20 und 75 Jahren durchgeführt). Ich möchte behaupten, die Erziehungsmodelle und wie man damals als Erwachsener auf Kinder einging, unterscheiden sich extrem von unseren heutigen Modellen. In der Zwischenzeit wurde in der Entwicklungspsychologie und Pädagogik viel geforscht. Themen wie Bindung, Urvertrauen, Selbstwirksamkeit und ihre Auswirkungen für das spätere Leben wurden immer mehr erforscht und diese Erkenntnisse wurden nach und nach von Eltern und pädagogischen Fachkräften aufgegriffen und in die Erziehung aufgenommen. Das geschah aber schleichend: die Bindungstheorie konnte sich beispielsweise erst in den 70ern durchsetzen. Die Montessori Pädagogik stellte 1940 noch eine Innovation dar und es sollte noch einige Jahre dauern, bis das pädagogische Konzept weltweit etabliert war. Auch die sogenannte Resilienz wurde erst 1955 durch die sogenannte Kauai-Studie entdeckt. 

Was ich damit sagen möchte ist, dass sich in der Lebenswelt unserer Kinder von 1910 bis heute eine Menge getan hat und meine These ist, dass unser heutiger Erziehungsstil besser geeignet ist, das oben erwähnte gesundheitliche Risiko für Kinder,  die häufig umziehen, zu senken. Er fußt inzwischen zum überwiegenden Teil auf genau diesen Erkenntnissen von Montessori, der Bindungsforschung oder eben der Resilienzforschung. 

Meine kühne Behauptung ist also, dass bereits viele Grundlagen in unsere Erziehungsstile implementiert sind, die unseren Kindern einen besseren Umgang mit den Herausforderungen eines Umzugs ermöglichen.

Pädagogische Grundlagen, die unseren Kindern helfen Umzüge besser zu meistern

Natürlich gibt es nicht  DEN einen Erziehungsstil, den alle in Deutschland pflegen, aber es gibt doch einen Konsens darüber was gute Erziehung ausmacht. Er wird über Beiträge und Diskussionen in diverse Elternmagazinen und -foren verbreitet und  von Fachkräfte in verschiedenen Einrichtungen wie Kindergarten, Schule und Sportvereinen etc praktiziert und eingefordert. Natürlich nicht von allen Eltern und von allen Fachkräften, schwarze Schafe gibt es leider immer. Aber verglichen zu den 1950er Jahren hat sich der Konsens deutlich verschoben: weg von körperlicher Züchtigung, hin zu Erziehung auf Augenhöhe, weg vom vordiktieren hin zum partizipieren, weg vom Kind als Anhängsel hin zum eigenständigen, gleichwertigen Individuum. Dieser Erziehungskonsens ist unter anderem geprägt durch die oben angeführten Studien und Konzepte.

Der derzeitige Erziehungskonsens hilft unseren Kindern mit den häufigen Umzügen positiv umgehen zu können, denn er fördert Resilienz und  Resilienz hilft, in schwierigen Situationen das seelische Gleichgewicht wieder zu finden.

 

 

 

"Unsere heutige Erziehung unterstütz Kindern bei Herausforderungen besser und nachhaltiger, da die Erziehungskonzepte auf Forschungsergebnissen basieren. Eltern leisten durch Erziehung, die sich an diesen Konzepten orientiert,  einen wichtigen Beitrag zum Aufbau von Resilienz bei ihrem Kind. Spätfolgen, wie posttraumatische Belastungsstörungen, lassen sich dadurch minimieren. "

Angela Schreiner, Diplom. Sozialpädagogin

Aber natürlich gibt es immer noch Verbesserungsbedarf: wir müssen die Kinder bei Umzügen mehr mit auf dem Schirm haben. In vielen Familien sind Kinder immer noch Anhängsel, die einfach so mitlaufen, weil "es ist ja sowieso schon so viel zu organisieren und die Kinder werden das schon irgendwie wuppen...".

Auch die Firmen sehen sich noch nicht in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die gesamte Familie inklusive der Kinder, gut in der neuen Heimat ankommt. Man hat sich inzwischen ja dazu durchgerungen wenigstens mehr auf die Partner einzugehen und diese ebenfalls vorzubereiten, da offensichtlich wurde, dass viele Entsendungen abgebrochen wurden, weil die mitreisenden Partner unzufrieden waren. Aber die Kinder werden immer noch zu wenig mitgedacht. 

Nun werden zwar nur wenige Entsendungen tatsächlich der Kinder wegen abgebrochen, aber wieviele Mitarbeiter lassen sich noch finden, die gewillt sind ins Ausland zu gehen, wenn die Familien lieber auf das Auslandabenteuer verzichten, weil sie sich um Spätfolgen für ihre Kinder sorgen?

 

Es gibt auf diesem Gebiet noch einiges zu tun und  ich habe mir daher unter anderem zum Ziel gesetzt, nach unserem Umzug nach San Diego mehr in Sachen Sensibilisierung für genau dieses Thema zu tun. Bei den Eltern, bei den Firmen und auch an den Schulen und Kindergärten möchte ich für den Umgang mit Kindern, die gerade umgezogen sind, sensibilisieren und Möglichkeiten aufzeigen, wie ein solcher Umgang aussehen kann, damit die Kinder gestärkt aus diesem mobilen Leben hervorgehen und eben später nicht mit negativen Folgen zu kämpfen haben.

 

Falls jemand von euch eine Firma oder Einrichtung wie Schule oder Kindergarten kennt, die an diesem Thema Interesse hat, freue ich mich über eine Nachricht. Ich möchte jede Möglichkeit nutzen ins Gespräch zu kommen und vielleicht auch im Kleinen etwas zu bewegen.

Ein mobiler Lebensstil hat auch positive Effekte

Ich trete dem Vorwurf: „Was tut ihr euren Kindern an!“ inzwischen selbstbewusster entgegen. Es gibt nämlich auch bei diesem Lebensentwurf nicht nur negative Auswirkungen für die Zukunft, sondern durchaus auch viele positive Effekte, die – wenn man nun einen genauso bösen Vorwurf formulieren möchte- die Nicht-Nomadeneltern ihren Kindern wiederum vorenthalten. 

Und wie gesagt, wenn wir unsere Kinder während des Umzugsprozesses im Blick haben und mit ihnen in einem wertschätzenden Kontakt stehen, dann müssen wir uns um die Spätfolgen vielleicht gar nicht so viele Sorgen machen, wie uns die bisherigen Studien dazu suggerieren wollen.